Wie Liquiditätskrisen entstehen und was man dagegen tun kann (2/2)

Wie Liquiditätskrisen entstehen und was man dagegen tun kann (2/2)

Selbsttest: Hat Ihr Unternehmen finanzielle Probleme? Einige Fragen zum Nachdenken. Seien Sie ehrlich zu sich selber und beantworten Sie für sich die folgenden Fragen. Dieser Test ist keine Kritik an Ihrer Person oder an Ihren Führungsqualitäten sondern soll Ihnen helfen, möglichst frühzeitig Fehlentwicklungen zu erkennen. Führen Sie diesen Selbsttest 1-2 mal pro Jahr durch. 

Denken Sie an Ihren Geschäftsverlauf der letzten 6-12 Monaten und stellen Sie sich dabei die Frage: Kommt das Problem in meinem Unternehmen vor?

Antworten Sie mit: Ja oder Nein.
 
  1. Hat die Absatzmenge im letzten Jahr stagniert oder sogar abgenommen?
     
  2. Können Sie Ihre Preise immer weniger durchsetzen?
     
  3. Wird der Aufwand immer grösser um Ihre Produkte und Dienstleistungen
    zu verkaufen?​
     
  4. Machen Sie den grössten Teil Ihres Umsatzes mit ein paar wenigen Grosskunden?
     
  5. Wachsen Ihre Kosten schneller als der Umsatz?
     
  6. Gibt es Zahlungsschwierigkeiten bei Ihren wichtigsten Kunden?
     
  7. Nimmt der Bestand in Ihrem Warenlager bzw. bei den angefangenen Arbeiten laufend zu?
     
  8. Haben Sie immer mehr Produkte an Lager, die Sie nur mit grossen Preisnachlässen verkaufen können?
     
  9. Haben Sie Schwierigkeiten Ihre Rechnungen pünktlich zu bezahlen?
     
  10. Fällt es Ihnen schwer, Ihre Kredite und Darlehen zu tilgen?
     
  11. Verlangen die Banken zunehmend mehr (private) Sicherheiten von Ihnen?
     
  12. Sind Beitreibungen am Laufen, weil Sie Rechnungen nicht bezahlen können?

1-4 sind Fragen zur strategischen Krise
Wenn Sie eine oder mehrere Fragen mit "Ja" beantwortet haben, dann sollten Sie sich ernsthaft mit der strategischen Planung befassen. Überprüfen Sie Ihre strategische Ausrichtung, führen Sie einmal pro Jahr eine Jahreszielplanung durch und erstellen Sie ein detailiertes Jahresbudget. 

5-8 sind Fragen zur Ertragskrise
Wenn Sie eine oder mehrere Fragen mit "Ja" beantwortet haben ist es sinnvoll, ein Jahresbudget und einen Finanzplan zu erstellen und diese quartalsweise mit den Ist-Zahlen zu überprüfen (Controlling-Report). Beobachten Sie die Entwicklung der Quartalszahlen ganz genau und ergreifen Sie bei einer negativen Entwicklung Massnahmen um den Kurs zu korrigieren.

9-12 sind Fragen zur Liquiditätskrise
Wenn Sie eine oder mehrere Fragen mit "Ja" beantwortet haben, dann müssen Sie unbedingt einen kurzfristigen Liquiditätsplan (Zeitraum 3-6 Monate) erstellen. Überprüfen Sie einmal pro Woche Ihre Liquidität mit einem Liquiditätsstatus. Überprüfen Sie auch, welche Sofortmassnahmen (siehe weiter unten) Sie schnell umsetzen können.
 

Der Weg aus der Liquiditätskrise

Wenn man in einem Liquiditätsengpass steckt, dann ist rasches Handeln notwendig. Oberstes Gebot bei einer Liquiditätskrise ist die Sicherung der Zahlungsfähigkeit. Sie müssen flüssig bleiben oder so rasch wie möglich flüssige Mittel beschaffen. Die vier Hauptaufgaben sind:

  • Kosten senken
  • Einnahmen erhöhen
  • Finanzierungspotential ausschöpfen
  • und Zeit gewinnen

Checkliste Sofortmassnahmen 


Gehen Sie die folgenden Punkte Schritt für Schritt durch. Überlegen Sie sich, welche Massnahmen Sie in Ihrem Betrieb am schnellsten umsetzen können. Am besten organisieren Sie eine kleine Brainstorming-Gruppe. Holen Sie - wenn das Verhältnis stimmt - gute Freunde, Partner, Partnerin, Treuhänder und vertraute Mitarbeiter mit ins Boot und suchen Sie gemeinsam nach Lösungen.
 
  • Kundenguthaben überprüfen und fällige Posten mit Nachdruck eintreiben. Bei neuen Aufträgen einen Barzahlungsrabatt anbieten. So fliesst schnell Geld in 
    die Kasse.
     
  • Mit den wichtigsten Lieferanten sprechen. Bei grösseren Ausständen einen (realistischen) Abzahlungsplan aushandeln. Alles tun um Zeit zu gewinnen. Nur eines sollten Sie nicht machen: Auf Mahnungen oder Zahlungsbefehle nicht reagieren und nichts tun! 
  • Überprüfen, welche Ausgaben reduziert werden können - nicht nur im Unternehmen, auch im privaten Bereich. Den Gürtel vorübergehend enger schnallen. 
  • Nicht dringende Investitionen verschieben. Wenn z.B. eine Maschine aussteigt zuerst überprüfen, ob eine Reparatur möglich ist. Eine Reparatur braucht weniger flüssige Mittel als eine Ersatzinvestition. 
     
  • Warenlager abbauen. Überprüfen, ob die Artikel auch "Just in Time" eingekauft werden können. Auch wenn der Preis höher ist. Die so gesparte Liquidität ist im Moment wichtiger als der tiefere Preis.
  • Möglichkeiten überprüfen, Eigenkapital oder langfristiges Fremdkapital nach-zuschiessen. Finanzierungspotential ausschöpfen: Keine Dividenden auszahlen, Rangrücktritt auf Gesellschafter-Darlehen, Kapitaleinlagen, Kapitalerhöhungen,
    Lieferanten davon überzeugen Kreditorenschulden in langfristige Darlehen umzuwandeln, Darlehen von Privatpersonen aufnehmen.
  • Der schwierigste Punkt ist das Gespräch mit der Bank. Bekanntlich bekommt man einen Kredit am leichtesten, wenn man ihn nicht braucht. Aber vielleicht haben Sie Investitionen über das Kontokorrentkonto finanziert. Dann sollten Sie versuchen, diese in ein längerfristiges Darlehen umzuschulden. 
  • Alle verfügbaren Kräfte ins Marketing. Promotionen und Verkaufsförderung bringen schnell Geld in die Kasse. Dabei zuerst Stammkunden mit guter Zahlungsmoral adressieren, erst dann in die Akquisition von Neukunden Zeit und - sofern noch vorhanden - Geld investieren. 
  • Auf Kernkompetenzen konzentrieren - es ist nicht die Zeit um neue Produkte auf den Markt zu bringen. Fördern Sie den Verkauf von jeden Produkten, die sich am schnellsten verkaufen lassen. Hier gilt die Regel: Schneller Umsatz ist wichtiger als ein grosser Deckungsbeitrag. 
  • Sind Ihre Mitarbeiter/innen alle voll ausgelastet? Wenn es freie Kapazitäten gibt, dann überlegen Sie, wie Sie diese zur Verbesserung des Kundenservice einsetzen können. Fragen Sie Ihre Mitarbeiter/innen wo gespart werden kann. Sie wissen oft sehr genau Bescheid über unnütze Ausgaben.  

Wenn Sie Ihre Liste mit Lösungsansätzen erstellt haben (ob allein oder in der Gruppe), dann organisieren Sie Ihre Liste nach Prioritäten und bestimmen, wer, was und bis wann macht. Koordinieren und überwachen Sie die Umsetzung der Massnahmen. Überprüfen Sie 2-3 mal pro Woche die (Zwischen-)Ergebnisse und schauen Sie, dass alles nach Plan läuft. Arbeiten Sie beharrlich und kontinuierlich an Ihrem Turnaround.
 
Die Insolvenz ist abgewendet, wie geht es weiter?

Wenn die Sofortmassnahmen greifen, die Situation sich entspannt und das Schlimmste überstanden ist, dann können Sie nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen.
Ein Sprichwort sagt. " Wenn man das tut, was man schon immer getan hat, wird man das bekommen, was man schon immer bekommen hat!"

Wenn Sie sich bis jetzt nicht mit der strategischen Planung befasst haben, tun Sie es. Haben Sie kein detailliertes Budget? Erstellen Sie eines. Wurde die Liquiditätskontrolle nur sporadisch durchgeführt? Machen Sie die Liquiditätsplanung von nun an gezielt und systematisch. Es ist wichtig herauszufinden, was man falsch gemacht und was man hätte besser machen können. Führen Sie Ihr Unternehmen vorausschauend um mit Weitblick. Eine (pro-)aktive Führung ist besser als ein wirtschaftlicher Blindflug.